Keine Beschneidung aus religiösen Gründen! 

Das Landgericht Köln hat in einem Aufsehen erregenden Urteil die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen verboten. Für die Beschneidung von Mädchen, welche diesen die sexuelle Empfindungsfähigkeit nimmt, gilt das schon lange, nicht nur in Deutschland, sondern in allen als zivilisiert geltenden Ländern.  

Doch was die religiös begründeten Beschneidungen von Jungen angeht, da sieht das ganz anders aus. Christen, Moslems, Juden und quer durch alle Parteien, beinahe alle sind sich einig: Religiöse Beschneidungen von Jungen, die sind O.K., sie folgen einer Jahrtausende alten Tradition, sind wohlbegründet und  durch die Religionsfreiheit gedeckt. Es herrscht allgemeine Empörung über das Kölner Gerichtsurteil. 

Ich sehe das anders. Das Kölner Urteil ist richtig und mutig, denn es setzt ein Zeichen zugunsten des Rechts derjenigen, die sich am wenigsten wehren können! Dafür ist das Recht ja vor allem da, den Schwächeren vor den Zumutungen und der Gewalt des Stärkeren zu schützten! Das betrifft natürlich auch das Verhältnis Kinder-Erwachsene! Erwachsene dürfen nicht alles mit Kindern anstellen, was ihnen so einfällt! Erwachsene haben zum Beispiel nicht das Recht (die in jedem Fall ja schwächeren!) Kinder körperlich oder seelisch zu misshandeln; wie und mit welchen Begründungen auch immer! Und wie eine Gesellschaft mit ihren Kindern umgeht, das ist ein guter Indikator wie es um sie wirklich bestellt ist!

Das Leid und den Schrecken der von den Beschneidungen Betroffenen sollten wir nicht unterschätzen. Die besonders barbarische Beschneidung der Mädchen zerstört die Opfer körperlich und seelisch, das ist klar, aber auch die Beschneidung der Jungen führt über den aktuellen Schmerz hinaus zu tiefen (teilweise auch unbewussten) seelischen Verletzungen; nachzulesen in dem Aufsatz „Does circumcision cause psychological damage“ der Kinderpsychologin Janet Menage. Schrecken und Schmerz stehen in die Gesichter der betroffenen Jungen geschrieben!

 
Traumatische Erfahrung: Beschneidung eines muslimischen Jungen im Rahmen eines Familienfestes in der Türkei. Bei Moslems wird die Beschneidung bis spätestens zum 13. Lebensjahr durchgeführt, bei Juden im frühen Säuglingsalter in den ersten Tagen nach der Geburt (meist ohne schmerzbetäubende Mittel). Quelle. n-tv

Die religiöse Beschneidung ist ein Opfer an Gott (oder die Götter), eine Geste der bedingungslosen Unterwerfung. Historisch gesehen entwickelte sich die religiöse Beschneidung aus der vor langen Zeiten weit verbreiteten Opferung von Kindern und Jugendlichen. Damit wollten die Menschen ihre  meist furchteinflößenden und unberechenbaren Götter besänftigen. Die Götter neigten zu heftigen Zornesausbrüchen selbst bei kleinsten Anlässen, verlangten bedingungslosen Gehorsam und bestraften überaus hart. Hin und wieder zeigten sie aber auch einmal ihre freundliche Seite. Wenn es den Menschen „zu gut ging“, dann fühlten sie sich irgendwie schuldig.

Massenbeschneidung von Jungen auf den Philippinen in Marika City nahe der Hauptstadt Manila im Jahre 2011. Quelle: Daily Mail/Reuters

Die Götter ihrerseits spiegelten wider, wie die Kinder (im Durchschnitt!) die Erwachsenen erlebten. Und das tun sie auch heute noch. In den Zeiten als die großen Religionen entstanden, in der Antike (z.B. Judentum, Christentum) und dann noch einmal im frühen Mittelalter (z.B. Islam), war die Kindheit der allermeisten Menschen voller Angst und Schrecken.  Die Kinder wurden häufig vernachlässigt, von ihren Eltern weggegeben, regelmäßig brutal geschlagen und sogar getötet, wenn sie unerwünscht oder überzählig waren. Und dann wurden sie ja auch den Göttern geopfert, denen gegenüber sich die Menschen schuldig fühlten.

 

Erstmals wurde die Kindestötung bei den Juden verboten, welche nur noch einen einzigen Gott verehrten (Monotheismus). Ein großer Fortschritt! Allerdings blieb dies  für lange Zeit die Ausnahme. Erst die beiden anderen monotheistischen Religionen übernahmen das Verbot der Kindstötung vom Judentum, zunächst das in der späten Antike aufkommende Christentum und einige hundert Jahre später der Islam im frühen Mittelalter. 

Abgesehen davon aber blieben (vorerst) die Schrecken der Kindheit und prägten deutlich die Inhalte auch der drei monotheistischen Religionen.

„Die Geschichte der Kindheit ist ein Alptraum, aus dem wir gerade erst erwachen!”, so formulierte es der Psychohistoriker Lloyd de Mause in der Einleitung zu dem lesenswerten Buch „Hört ihr die Kinder weinen: Eine psychogenetische Geschichte der Kindheit.” (Suhrkamp 1980).
Lloyd de Mause und seine Mitautoren zeigen darin anhand von umfangreichem Material: Je weiter man in der Geschichte zurückgeht, umso trostloser im Durchschnitt die Kindheit. Umgekehrt heißt das aber auch, daß es im Laufe der Zeit Fortschritte gab; in den einen Gesellschaften schneller, in den anderen Gesellschaften langsamer. Einzelne Erwachsene (meist waren es die Mütter) schaffen es immer wieder, das in ihrer Kindheit erlittene Leid nicht einfach an ihre eignen Kinder weiterzugeben (so wie es zumeist geschieht), sondern sich ein wenig mehr in die eigenen Kinder einzufühlen und sie besser zu behandeln als in den Generationen davor. Nach und nach setzt sich der freundlichere Erziehungsstil durch, wenn es gut läuft. Es kommt es zu einer Evolution der Eltern-Kind-Beziehungen, nach de Mause eine wichtige, wenn nicht sogar die entscheidende Triebfeder jeglichen gesellschaftlichen Fortschritts! Die besser behandelten Kinder bilden die Grundlage einer neuen, netteren „Psychoklasse“. Diese trifft auf die älteren Psychoklassen, was zu Konflikten führt. Daraus entwickelt sich dann die Dynamik des geschichtlichen Prozesses!

 

Der Psychologe Lloyd de Mause hat auch eine eigene Homepage, die ich nur empfehlen kann: http://www.lloyddemause.com/

Vielleicht bewirkt ja das Kölner Urteil etwas Gutes für die Kinder und damit letztendlich auch für den gesellschaftlichen Fortschritt?!

Jens Christian Heuer

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